Nida-Rümelin über künstliche Intelligenz und Ethik

| Redakteur: Franz Graser

Professor Julian Nida-Rümelin lehrt Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er studierte nicht nur Philosophie, sondern auch Mathematik, Physik und Politik und beschäftigt sich unter anderem mit dem Spannungsverhältnis zwischen Technik und Ethik.
Professor Julian Nida-Rümelin lehrt Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er studierte nicht nur Philosophie, sondern auch Mathematik, Physik und Politik und beschäftigt sich unter anderem mit dem Spannungsverhältnis zwischen Technik und Ethik. (Bild: Pixabay / CC0)

KI, Gentechnik, Cyborgs: Wie weit darf die technische Entwicklung gehen? Der Münchner Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin betrachtet im Interview das Spannungsfeld zwischen Technik, Ethik, Recht und Ökonomie.

Herr Professor Nida-Rümelin, was halten Sie für die größten technischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte?

Diese Frage richtet sich eher an Technikhistoriker und nicht an die Philosophie. Aber es ist klar, dass das Maschinenzeitalter im 19. Jahrhundert ohne die Dampfmaschine und besonders die Nutzung fossiler Energieträger als Treiber der Wirtschaftsentwicklung nicht möglich gewesen wäre. Damit wurde auch ein sehr starker Produktivitätszuwachs ausgelöst. Und die zweitgrößte technologische Innovation ist sicher die Digitalisierung.

Welcher Aspekt der Digitalisierung ist für Sie am interessantesten?
Ein Aspekt der Digitalisierung ist, dass wir sehr viel effizienter miteinander kommunizieren können. Das ist durch das Internet noch mal auf eine neue Basis gestellt worden. Aber die Digitalisierung ist natürlich mit der Computertechnologie verbunden und war schon vor dem Internet ein wesentlicher Treiber der Kommunikationsprozesse. Jetzt zeichnet sich eine weitere Entwicklung ab, von der noch nicht klar ist, wie weit sie geht. Manche sagen, die Arbeitskräfte werden zur Hälfte eingespart. Da bin ich skeptisch. In der Gesamtrechnung wird das so nicht kommen. Da bin ich ziemlich sicher. Wir haben auch erstaunlicherweise gerade in den letzten Jahren ein relativ mäßige Produktivitätssteigerung gehabt – trotz der Digitalisierung. Und das ist auch ein interessantes Phänomen. Aber viel deutet darauf hin, dass die industriellen Fertigungspraktiken durch die Digitalisierung nun noch mal grundlegend verändert werden.

Wenn man jetzt nach vorne blickt: Wo liegen die Chancen in den kommenden 50 Jahren und was sehen Sie eher kritisch?

Kritisch beurteile ich vor allem solche Voraussagen. Alle diese Voraussagen haben sich in der Vergangenheit als falsch herausgestellt. Deswegen sollte man nicht anfangen, dieselben Fehler wieder zu machen. Noch vor wenigen Jahren hieß es, wir werden demnächst nicht mehr ins Büro gehen müssen, sondern an dem Ort, an dem wir gerade sind mit dem Laptop arbeiten.

Das hat sich nicht bewahrheitet. Manche Geographen meinten, dass die Stadt ihre Funktion einbüßt, weil es nicht mehr nötig sei, Entfernungen zu überwinden. Das ist ja der große Vorteil der Stadt, dass dort die Entfernungen sehr kurz sind. Auch das hat sich als ganz falsch herausgestellt. Die Verstädterung nimmt massiv zu – weltweit.

Wir hatten die These vom papierlosen Büro. Ganz falsch, denn so viel Papier wie heute wurde noch nie bedruckt. Wir hatten die These vom Ende des Buches. Ganz falsch, denn das Buch ist in einer guten Verfassung. Ich werde auf jeden Fall nicht den selben Fehler machen und jetzt 50 Jahre im Voraus Prognosen formulieren.

Ich glaube, wir sollten uns auf eine Phase massiver Veränderungen der Arbeitswelt einrichten. Ich glaube nicht, dass das am besten erfolgt, indem wir die Berufe durchgängig akademisieren. Ich glaube, dass die digitale Kompetenz in den allgemeinbildenden Schulen eine zentrale Rolle spielen sollte – anders als heute, damit wir gewappnet und vorbereitet sind und hinreichend flexibel für die neuen Herausforderungen, von denen wir heute nicht sagen können wie sie sich genau darstellen werden.

Gibt es Entwicklungen, vor denen Sie Angst haben?

Ich bin da relativ optimistisch – vorausgesetzt, die politische Gestaltungskraft bleibt erhalten. Das heißt wir brauchen auch gesetzliche Normen, die diese Digitalisierungsprozesse einrahmen. Da ist vieles in den vergangen Jahrzehnten versäumt worden. Wir haben Internetgiganten, die de facto die Infrastruktur der internationalen Kommunikation steuern. Google ist nur ein Beispiel , aber das vielleicht auffälligste.

Da ist gerade das nicht erfolgt, was bei der deutschen Industrieentwicklung ganz zentral war – deutsche Industrienormen wurden damals in Deutschland im aufstrebenden Industriegiganten in der Mitte Europas etabliert, sehr zum Vorteil dieser Entwicklung. Das ist hier versäumt worden. Wir haben bis heute keine angemessene Steuerung der Daten sammelnden Konzerne. Die Gefahr ist, dass die informationelle Selbstbestimmung, von der das Bundesverfassungsgericht nun als einer zusätzlichen Rechtsnorm seit Jahren ausgeht, dabei unter die Räder kommt.

Da hat die Politik bislang keine sehr gute Bilanz vorzuweisen, aber ich bin relativ optimistisch, dass sich das ändert. Denn auch die Euphorie, die mit jeder neuen Technik einhergeht, dass sich nämlich alles von selber regle und das Internet so anarchisch wie möglich bleiben solle, das hat sich als falsch herausgestellt.

Und auch die User sehen das so, dass Normen und Regeln eine ganz große Rolle spielen. Denken Sie an ein so großes Projekt wie Wikipedia. Ohne eine Verständigung auf Normen und Regeln wäre es überhaupt nicht denkbar. Das ist ein relativ zuverlässiges Informationsmedium und das gilt auch für andere Plattformen und Social Media.

Wer kann denn solche Regeln aufstellen? Beim Internet kommt man natürlich an die Grenze nationaler Gesetzgebung.

Da haben Sie völlig recht. Deswegen habe ich der Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften die Einrichtung einer interdisziplinären Arbeitsgruppe vorgeschlagen. Die existiert seit Mitte letzten Jahres: Internationale Gerechtigkeit und institutionelle Verantwortung (IGIV). Und darum geht es: Wenn sich die Gesellschaft und auch die Wirtschaft globalisiert, spielen die internetbasierten Kommunikationsströme dabei eine ganz wichtige Rolle. Dann muss es auch möglich sein, auf globaler Ebene politisch verantwortliche Strukturen zu etablieren.

Das ist die kosmopolitische Herausforderung, über die seit 200 Jahren diskutiert wird. Spätestens seit Immanuel Kants „Zum ewigen Frieden“ von 1795 ist das eigentlich ein zentrales Thema in der politischen Philosophie. Aber in der Praxis sind wir da erst ganz am Anfang. Es gibt IWF, es gibt die World Trade Organization, die FAO, die Arbeitsorganisation ILO. Es gibt internationale Organisationen, die Standards etablieren oder vorschlagen. Aber die politisch legitimierten Institutionen, die das umsetzen, fehlen weitgehend.

Das Problem liegt eventuell auch darin, dass diese Standards stark industriegetrieben sind. Aber die Verhaltenskodifizierung hinkt eine ganze Strecke hinterher.

Genau. Das hängt jetzt zwar nicht mit der Digitalisierung zusammen, aber denken wir einmal an den Klimawandel. Im Grunde zweifelt niemand mehr daran, dass hier eine gesamtweltliche Aufgabe besteht. Aber wir haben bislang nicht die Institutionen, die diese Prozesse steuern. Deshalb ist das Ganze ein Bargaining-Prozess: wenn einzelne ausscheren, dann funktioniert das Ganze nicht mehr. Weil die, die mitmachen, gegenüber denen, die nicht mitmachen, benachteiligt sind .

Deutschland lebt sehr stark von der technischen Innovation. Auf der anderen Seite gibt es in Deutschland auch eine gewisse Tradition der Technikskepsis. Wie sehen Sie dieses Spannungsfeld?

Ich bin nicht sicher, ob der Befund wirklich stimmt. Deutschland ist in vielen Bereichen das führende Technikland der Welt. Nehmen Sie die Exporte im Maschinenbau zum Beispiel: Kein anderes Land der Welt – nicht China und nicht die USA – können mithalten mit den deutschen Exporten. Die exzellente verlässliche Technik, das Ingenieurwissen, das in Deutschland besteht und im Moment nirgendwo auf der Welt besteht, ist einmalig. Wir haben viel mehr Aversionen gegen Naturwissenschaft und Technik in den USA. Schauen Sie sich mal die Lehrpläne an öffentlichen Schulen an: Das amerikanische Niveau in diesem Bereich ist auch viel schlechter.

Die Ingenieure in den USA wissen, dass die Ingenieurwissenschaftliche Ausbildung in den USA deutlich schlechter ist als in Deutschland. Beunruhigend ist, dass in einem Sektor – nämlich gerade der so relevante Sektor der digitalen Techniken – diese hohe technische Kompetenz in Deutschland nicht ausgereicht hat, um sich eine Spitzenposition zu sichern. Da ist uns eben Silicon Valley – nicht die USA als Ganzes – weit voraus.

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