Leiterplatte

Der Fortschritt kam gedruckt aus Europa

| Autor / Redakteur: Reinhard Kluger / Gerd Kucera

Paul Eisler: Im Februar 1943 meldete er das Britische Patent 639,178 "Manufacture of Electric Circuits and Circuit Components" in London an.
Bildergalerie: 1 Bild
Paul Eisler: Im Februar 1943 meldete er das Britische Patent 639,178 "Manufacture of Electric Circuits and Circuit Components" in London an. (Bild: Wikipedia)

Paul Eisler erfand die Leiterplatte, Voraussetzung für die Massenware Elektronik. Die wohl wichtigste Erfindung des vergangenen Jahrhunderts. Ohne die gedruckte Schaltung wäre moderne Hightech nicht machbar.

Ein paar Cent nur für jedes gefertigte Exemplar seiner Erfindung, er hätte ein größeres Vermögen hinterlassen, als das derzeitige des Bill Gates: Paul Eisler jedoch hatte diesen Erfolg nicht. Dem gebürtigen Österreicher kam zwar die zündende Idee zur wohl wichtigsten Erfindung dieses Jahrhunderts, doch er musste um die Anerkennung lange Jahre kämpfen.

Was er Ende der 30er-Jahre entwickelte, gilt als Meilenstein auf dem Weg zur heutigen Massenfertigung der Abermilliarden Radios, Fernseher, Waschmaschinen und Computer, Autos und Maschinen, kurzum von allen Geräten, in denen Elektronik steckt. Paul Eisler nämlich erfand die gedruckte Schaltung, eben die „Printed Circuit“, die Leiterplatte. Platinen, auf denen heute oft haarfeine leitfähige Pfaden, die so genannten Leiterbahnen, die einzelne Anschlüsse von Chips und Bauteilen miteinander schaltungstechnisch verbinden.

Im Februar 1943 meldete Paul Eisler das Britische Patent 639,178 „Manufacture of Electric Circuits and Circuit Components“ in London an. Warum der Österreicher dies in London tat, hatte seinen Grund. Als jüdischer Bürger verließ er 1936 wegen der Nazis Wien und ging nach London. Dass er dann dort den Rest seines Lebens verbringen sollte, ahnte er zum damaligen Zeitpunkt noch nicht, wie er später in seiner Autobiographie über den Kampf der Patent-Anerkennung „My Life with the Printed Circuit“ schreibt.

Eisler, der studierte Ingenieur, hatte während seines Studiums eine Zeit lang als Redakteur an einer Zeitschrift gearbeitet. Das Bedrucken von Papier brachte ihn schon damals auf die Idee, mit diesem Verfahren müsse man mehr als nur Zeitungen in Massen fertigen können. In seiner engen Einzimmerwohnung in der Londoner Vorstadt Hampstead erinnerte er sich dann wieder daran.

1936 meldete Eisler sein erstes Patent in London an

Beim Bau der damaligen Radios verband man noch Röhren, Widerstände und Spulen mit einzelnen Drähten untereinander. Mit den vielen verwickelten Drähtchen entstand in den damaligen Radios etwas, was man als „Vogelnester“ bezeichnete, etwas Unübersichtliches und Verworrenes. Paul Eisler wünschte sich hingegen ein sauberes System von Leiterzügen auf einer Ebene. Eben etwas, das sich drucken lassen sollte, etwas, das Grundlage für ein Massenherstellverfahren sein sollte.

Eisler experimentierte kräftig und sein erstes Patent von 1936, ein Vorläufer seines Hauptpatentes, beschreibt die erste richtige gedruckte Schaltung. Eisler präsentierte seine Idee beim englischen Radioproduzenten Plessey. Dort werkelten unzählige Frauen mit komplizierten Drahtbündeln. Mit „Our girls are cheaper and more flexible“ wies man ihn und seine Idee ab. Es war 1939, und der Krieg begann. Paul Eisler fand einen Förderer, Harold V. Strong, vermögender Besitzer einer Druckerei. Dieser erkannte in Eislers Idee der gedruckten Schaltung die Möglichkeit, von der unter Papiermangel leidenden Druckindustrie in die florierende Rüstungsindustrie umzusteigen. Während einer Taxifahrt unterschrieb Eisler vertrauensvoll einen Vertrag. Für ein englisches Pfund Sterling übertrug er Strong die Rechte an seiner Erfindung.

So offensichtlich auch der militärische Nutzen der Erfindung war, das damalige britische Ministerium für Rüstungsindustrie sperrte sich gegen den Einsatz. Die Folge: Kein privates Unternehmen getraute sich, die Idee aufzugreifen und weiterzuentwickeln. Anders die Amerikaner. Routinemäßig meldeten die Briten zur damaligen Zeit jede Erfindung auch an das amerikanische Bureau of Standards. Dort entwickelte man mit einer gedruckten Schaltung einen Annäherungszünder für Luftabwehrgeschosse. Jetzt ließ sich Elektronik in größeren Mengen preiswert herstellen. Noch vor Kriegsende erfolgte dann auch der erste massenhafte Einsatz, und zwar in Fernost.

Ein langer Kampf um die gebührende Anerkennung

1948 erfuhr die Öffentlichkeit von der Idee der gedruckten Schaltung. Ihr Siegeszug begann, zumal zu der Zeit auch das Prinzip des Massenlötens per Lötwelle entwickelt wurde. Doch Paul Eisler brachte das nicht viel. Und auch Harold V. Strong hatte nicht den finanziellen Erfolg, den er sich erhofft hatte. Sein Unternehmen Technograph vermarktete die Lizenzen für Leiterplatten. Eisler, obwohl im Vorstand des Unternehmens, wurde dennoch kein reicher Mann, denn ein Monopol für Leiterplatten ließ sich nie erreichen. Die amerikanische Elektronikindustrie griff die Idee der gedruckten Schaltung in den 50er-Jahren auf und entwickelte sie zügig weiter. Mitte der 50er-Jahre kam die Erfindung wieder zurück nach Europa. Und auch deutsche Unternehmen begannen 1957 mit der Produktion von Leiterplatten.

Paul Eisler, anfangs noch im Vorstand von Technograph, trat 1957 aus dem Unternehmen aus, weniger verbittert über den ausbleibenden finanziellen Erfolg, sondern darüber, dass man ihm nicht die Ehre zuteilwerden ließ, die ihm gebührte: Urheber einer der bedeutendsten Erfindungen des Jahrhunderts zu sein. Erst 1971 wurde er als Erfinder der gedruckten Schaltung anerkannt. 1992 verlieh ihm das Institute of Electrical Engineers die Nuffield Silber Medaille, kurz bevor Paul Eisler am 26. Oktober 1992 als 85-Jähriger verstarb.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 43880920 / Verbindungstechnik)