Windows-Historie, Teil 4 – Die sechste Generation

| Autor: Sebastian Gerstl

Windows 10: Windows „als Service“

Darüber hinaus sollen alle Besitzer eines Windows der 6. Generation, also Vista, 7, 8 und 8.1, ab dem 29. Juli ein Jahr lang in der Lage sein, ihr Betriebssystem kostenlos per Download auf Windows 10 – und damit Kernel-Version NT 6.4 – zu aktualisieren. Ansonsten liegen die Kaufpreise für eine Handelsversion von Windows 10 Home bei 135€, eine Pro-Edition kostet 280€. Ein Preismodell für die Enterprise-Fassung ist derzeit noch nicht bekannt.

Einen konkreten Grund, warum Microsoft auf Windows 8 gleich Windows 10 folgen ließ, nannte das Unternehmen nicht. Ein vorgeblicher Microsoft-Entwickler gab in einem Post auf Reddit an, Tests hätten gezeigt, dass viele Treibersignaturen und Software-Codes älterer Produkte, die noch abwärtskompatibel für Windows 95 und Windows 98 entwickelt wurden, sich bei der Systemauswahl nur auf die Kurzform „Windows 9“ bezogen hätten. Der Sprung im Namen diene also, um Konflikte im Bezug auf diese alten Betriebssysteme zu vermeiden. Eine offizielle Stellungnahme zu diesem Gerücht gab es allerdings nicht.

Anders als in Windows 8 startet Nutzer in Windows 10 wieder direkt von der Desktop-Oberfläche. Das altbewährte Startmenü fand auch wieder Einzug, wenn auch in abgewandelter Form: Unter der Schaltfläche befinden sich dabei nicht nur die altbekannten Systemeinstellungen, der Befehl zum Herunterfahren des Rechners oder die Liste der meistgenutzten Programme wieder. Die aus „Modern UI“ bekannte Kacheloberfläche wurde ebenfalls in dieses Menü integriert. Das ständige Umschalten zwischen den beiden Nutzerinterfaces entfällt damit, ohne dass Anwender auf deren Vorzüge verzichten müssten.

Zu den weiteren Neuerungen zählte unter anderem der Sprachassistent „Cortana“. Die erweiterte Suchfunktion lässt sich auf Wunsch auch über Sprachbefehle nutzen. Cortana dient dabei als digitaler Assistent und kann sowohl lokale wie Internetsuchen durchführen, als auch den Nutzer bei der Bedienung bestimmter Anwendungen unterstützen. Ebenfalls neu war in Windows 10 die Unterstützung virtueller Desktops – ein Feature, dass Ubuntu- und MacOS-X-Nutzern schon länger vertraut war. Damit ist es auch Windows-Nutzern nativ möglich, unterschiedliche Arbeitsflächen anzulegen, die individuell sortiert sowie gestaltet werden können und die sich je nach Bedarf schnell auswechseln lassen.

Mit Windows 10 schickte Microsoft den altbewährten Browser Internet Explorer in den Ruhestand – auch wenn dieser aus Kompatibilitätsgründen in einer „Legacy“-Ausgabe, Internet Explorer 11, noch vorhanden ist, wird er doch nicht mehr prominent platziert. Stattdessen führte Microsoft das neue Modell „Edge“ ein. Als neuer hauseigener Browser setzte Edge auf volle Konformität zu modernen Webstandards wie HTML5 und CSS3 und verzichtete auf Plugins wie Adobe Flash oder Silverlight. Edge wurde allerdings von Nutzern nur sehr zögerlich akzeptiert und schaffte es nicht so recht, sich gegen die etablierte Blink/v8-Browserengine von Google Chrome auf dem Markt durchzusetzen. 2019 beschloss Microsoft daher, auf die hauseigene EdgeHTML-Browser-Engine zu versichten und die weitere Entwicklung von Edge auf der Open-Source-Technologie von Chromium aufzusetzen; seitdem stützt sich die Desktop-Version des Brwosers ebenfalls auf die Blink-Engine.

Auffällig ist die im Vergleich zu den Vorgängern wesentlich schnelle Ladezeit des Systems: nur wenige Momente nach Einschalten des Rechners kann ein Anwender sich in der Regel anmelden und den Desktop nutzen – weitere Bestandteile des Betriebssystems werden in der Zwischenzeit im Hintergrund nachgeladen. Eine Nachrichtenzentrale, die sich in einer versteckbaren Spalte am rechten Bildschirmrand verbirgt, informiert zusätzlich den Nutzer über wichtige Updates und andere Systemnachrichten. Der Microsoft App Store wird zudem nun auch um Desktop-Anwendungen erweitert und hält damit nicht nur die Tablet-orientierte App-Auswahl bereit.

Allerdings mussten Anwender beim Umstieg auf Windows 10 auch von einigen gewohnten Funktionen Abschied nehmen. So verschwand nach dem Update das Windows Media Center aus dem System, mitsamt der Eigenschaft, DVDs ohne zusätzlicher Software abspielen zu können. Bei einigen USB-Geräten mussten Anwender zudem neue Treiber installieren, um diese störungsfrei nutzen zu können. In den allermeisten Fällen blieben aber Windows-7- oder Windows-8-Treiber weiterhin voll kompatibel.

Worüber sich viele Nutzer allerdings nach dem Umstieg auf Windows 10 beklagten war die Updateverwaltung des Betriebssystems: Anders als von Früher gewohnt konnten Nutzer einer Home Edition von Windows ab dem Umstieg auf Windows 10 zunächst nicht mehr selbst entscheiden, wann und in welchem Umfang sie Windows-Updates installieren möchten. Selbst Besitzern einer Professional-Fassung ist das nur im eingeschränkten Umfang möglich, die volle Kontrolle bleibt nur Besitzern einer vollen Enterprise-Lizenz erhalten. Zudem zeigte sich die Updateverwaltung als überaus ressourcenhungrig: Größere Update-Pakete wurden über einen längerem Zeitraum im Hintergrund des laufenden Betriebs heruntergeladen und in einem Cache zwischengelagert. Dies kann durchaus schon einmal einen zweistelligen Gigabyte-Bereich auf der Festplatte in Anspruch nehmen. In der Anfangsphase von Windows 10 wurde diese Update-Cache auch nur unzureichend gelehrt, so dass sich Anwender häufig wunderten, warum ihre Festplatte plötzlich wieder so voll war. Seit Einführung der Version 1703 wurden allerdings einige der geschilderten Probleme weitgehend entschärft.

Windows 10 war von Beginn an plattformübergreifend und skalierbar ausgelegt. Das Betriebssystem steht gleichermaßen für Tablets, Note- und Netbooks sowie Desktop-PCs zur Verfügung. Dabei soll das Desktop-Design responsiv reagieren, je nach dem, auf welcher Plattform das Betriebssystem verwendet wird. Hinzu kommt mit Windows 10 IoT eine abgespeckte Variante für Single-Board-Computer wie Arduino oder das Raspberry Pi. 2018 erschien mit Windows 10 on ARM eine maßgeschneiderte Betriebssystemsvariante für Systeme, dia auf bestimmte Qualcomm- oder NXP-Basierte Prozessoren mit Kernen auf Basis der ARM-Architektur aufsetzen.

Über die Entwickler-Suite Visual Studio (seit Version 2015) sowie der Anwendungsumgebung .NET (seit Version 4.6) ist es dabei möglich, Anwendungen plattformübergreifend zu entwickeln – ein Feature, dass im Grunde genommen schon seit den Zeiten des allerersten NT-Betriebssystems vermisst wurde. Microsoft legt großen Wert darauf, mit Windows 10 quasi ein Betriebssystem für alle Bedürfnisse geschaffen zu haben. Im Gegenzug wurden allerdings nach und nach alle möglichen gesonderten eigenen Versionen - wie beispielsweise das alte auf den Embedded-Markt abzielende Betriebssystem Windows CE - abgekündigt und deren Support nach und nach konsequent eigestellt.

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