Komplexe Produkte erfordern interdisziplinäre Prüfungen

| Redakteur: Hendrik Härter

Komplexe Testwelt: „Phoenix Testlab als akkreditiertes Prüflabor sieht sich nicht nur als ein Dienstleister, sondern wir sind auch ein Partner für unsere Kunden“, beschreibt es Geschäftsführer Dr. Holger Altmaier.
Komplexe Testwelt: „Phoenix Testlab als akkreditiertes Prüflabor sieht sich nicht nur als ein Dienstleister, sondern wir sind auch ein Partner für unsere Kunden“, beschreibt es Geschäftsführer Dr. Holger Altmaier. (Bild: Phoenix Testlab)

Phoenix Testlab sieht seinen Schwerpunkt in der Qualifizierung von elektrotechnischen Produkten. Doch die Zusammenarbeit mit dem Kunden geht viel weiter – bis hin zum Prüflabor 4.0.

Wie alle Hersteller von Industrieelektronik und Prozessautomation musste Anfang der 1990er Jahre Phoenix Contact seine Produkte auf die elektromagnetische Verträglichkeit (EMV) überprüfen. Allerdings war zu dieser Zeit die Normensituation, was Standards betraf, noch wenig bis kaum festgelegt. Gleichzeitig stieg der Aufwand für entsprechende Messungen und die benötigten Messgeräte an. Damit war der Grundstein für ein eigenes EMV-Prüflabor gelegt.

Im Jahr 1993 war die Geburtsstunde der Phoenix EMV-Test als ein eigenständiges Unternehmen für alle notwendigen EMV-Prüfungen. Einer der Gründerväter war Dr.-Ing. Holger Altmaier, der 1994 bei der damaligen Phoenix EMV-Test als Geschäftsführer bestellt wurde. Im Interview wollten wir von Dr. Altmaier wissen, wie er Phoenix Testlab in der Branche der Prüflabore aufgestellt sieht, wie sich die Kundenwünsche im Laufe der Zeit verändert haben und blicken mit ihm gemeinsam auf die technischen Trends in der Zukunft und wie ein Prüf- und Testlabor künftig aussehen könnte.

Herr Dr. Altmaier, wo sehen Sie Ihr Unternehmen mittel-/langfristig in der Branche der Prüflabore positioniert?

Als Komplettanbieter diverser Prüfdiszi­plinen hin zum Type Approval und dessen weltweitem Management sind wir als Phoenix Testlab in Deutschland gut aufgestellt. Wir verfolgen weiter unser Ziel, ein sogenannter „Most trusted Brand in our Industry“ zu sein. Hier werden wir nicht nur von den Ergebnissen der Marktforschung 2018 von der Vogel Communications Group bestätigt, sondern auch von unserer eigenen Kundenzufriedenheitsanalyse. Beide zeigen eindeutig, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Der Schwerpunkt unserer Tätigkeit wird weiterhin auf akkreditierte Prüfungen zur Qualifizierung von elektrotechnischen Produkten liegen. Wir als Prüflabor verstehen uns nicht nur als ein Dienstleister, sondern auch als ein Partner des Kunden. Zudem sind wir auch ein Wegbereiter für neue Produkte unserer Kunden, da ein unabhängiger Prüfbericht in vielen Märkten die Basis für den Markteintritt darstellt. Als unabhängiger Prüfdienstleister dürfen unsere Prüfingenieure den Kunden nicht beraten, aber unsere Kundenbetreuer dürfen über die aktuelle Normenlage aufklären und somit die Kunden qualifizieren. Somit erkennen die Kunden die physikalischen Phänomene und sind dadurch in der Lage, ihre Produkte und den Prüfaufwand einzuschätzen.

Nicht zu vergessen ist der stetig wachsende wirtschaftliche Druck auf internationaler Ebene. Hier können und müssen wir mit unserem Know-how und unseren fundierten Kenntnissen über die Produkte der Kunden entgegentreten.

Welche neuen Märkte und Anwendungsfelder wird Ihr Unternehmen künftig mit Produkten und Services adressieren?

Unser täglicher Treiber sind die Anforderungen der Kunden – Dienstleistungen werden eng an den Kundenbedürfnissen entwickelt und ausgebaut. Wir gehen davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren die Vision „All-Electric-Society“ Realität sein wird. Eng damit verbunden sind die Zukunftsthemen wie Automation, Funktechnologien (5G, Ultrawideband), Elektromobilität und die digitale Transformation von Prozessen. Wir als Phoenix Testlab bleiben ein physikalisches Prüflabor für die dort eingesetzten Produkte.

Mit dem Automobilbau beschäftigen wir uns bereits seit dem Jahr 2000. Unsere Ingenieure testeten erstmals Airbags auf ihre Funktion. Heute sind es neben nahezu allen elektrisch betriebenen Komponenten vor allem die Lithium-Ionen-Akkus. Mit den Energiespeichern beschäftigen wir uns bereits seit 2005 – damals aus Sicherheitsgründen noch in einem Container. Da Batterien komplexe elektrochemische Systeme sind, bergen sie immer die potenzielle Gefahr einer Havarie. Heute testen wir ganz unterschiedliche Batterien: vom handlichen Batteriemodul bis zum kompletten Batteriesystem, deren Masse schnell eine Tonne und mehr erreichen kann.

Wie verändern sich derzeit die Kundenwünsche und wie können sich diese mittel-/langfristig entwickeln?

Die Produkte werden komplexer, die Prüfungen interdisziplinärer. Die Kunden fordern daher eine immer intensivere Kommunikation, vermehrt auch online mit den eingesetzten Prüfeinrichtungen und den Prüfingenieuren. Die Form der Kommunikation und Dokumentation wird sich also sehr schnell verändern. Wir arbeiten beispielsweise am digitalen Prüflabor 4.0. Es soll nicht nur unsere Mitarbeiter entlasten, sondern der Kunde hat auch jederzeit Zugriff auf den aktuellen Fortschritt der Prüfungen sowie auf sämtliche Ergebnisse seines Prüflings. Wir investieren dazu auch verstärkt in Software.

Mit den neuen Anforderungen der Kunden wird sich auch das benötigte Know-how verändern. Wie stellen Sie sich mit Ihrem Unternehmen dazu personell für die Zukunft auf?

Dieses Thema ist nicht neu für uns, die Schulung und Entwicklung unserer Mitarbeiter war und bleibt ein zentraler Baustein unseres Leitbildes. Die Aufgaben unserer Prüfingenieure sind umfangreich und vielfältig. Ein Prüfingenieur muss nicht nur das Testobjekt verstehen, was in unserem Fall meist Prototypen und Neuentwicklungen sind – sondern sich auch bestens in den geforderten Normen und Standards auskennen.

Der Aufwand für die Beratung und Betreuung der Kunden ist hoch. Unsere Mitarbeiter sind entweder direkt beim Kunden vor Ort oder wir schulen unsere Kunden in unseren eigenen Räumlichkeiten hier in Blomberg. Neben der technischen Ausbildung unserer Mitarbeiter müssen die mentalen Eigenschaften gefestigt sein. Sind doch unsere Prüfingenieure dem Spannungsfeld Kunde und dessen hohen Erwartungen ausgeliefert. Viele Testaufbauten erstellen wir ganz individuell für unsere Kunden und sind auf die jeweilige Prüfung abgestimmt. Dazu ist nicht nur eine fachliche Qualifikation notwendig, sondern auch Kreativität. Denn die Prüfvorrichtungen werden von unseren Mitarbeitern selbst gebaut.

Welche allgemeinen technischen Trends sehen Sie in der Industrie?

Das nächste Jahrzehnt wird uns die sogenannte „All-Electric-Society“ bescheren. Die Elektrizität, gewonnen aus Windkraft und Sonneneinstrahlung, wird die primäre Energieform sein, aus der andere Energieträger gewonnen werden. Es wird somit nichts dagegen sprechen, dass wir in Zukunft über eine unendliche Energiequelle „Elektrizität“ verfügen werden. Die Trends sind damit gesetzt: Digitalisierung, Industrie 4.0, Kommunikationsschnittstellen, Funktechnologie und Robotertechnik in Hard- und Software. Das bedingt eine allumfassende Vernetzung von Menschen und Maschine.

Welche besonderen technologischen Herausforderungen sehen Sie speziell auf die Prüflabore zukommen?

Die Produkte werden komplexer und damit verbunden steigen die Anforderungen an die Prüfungen. Hier ist eine maßgeschneiderte Prüfung der Schlüssel für unseren Erfolg. Dazu benötigen wir als Prüflabor immer mehr interne Kenntnis über das zu prüfende Produkt unserer Kunden. Wir müssen entsprechende Systeme für das Monitoring der zu überwachenden Prüflinge vorhalten.

Was wir auch beobachten: Auf der einen Seite werden gerade die elektronischen Produkte immer kleiner und zunehmend komplexer. Auf der anderen Seite werden beispielsweise die Lithium-Ionen-Akkus immer größer und schwerer,da sie zunehmend auch in größeren Fahrzeugen mit erhöhter Reichweite eingesetzt werden sollen.

Welchen Einfluss hat die Elektromobilität auf Ihr Unternehmen?

Die Elektromobilität ist einer der Haupttreiber für den Ausbau unserer Laborkapazitäten. Dabei konzentrieren wird uns im Augenblick auf den Energiespeicher. Ladestecker und Buchsen sowie die Ladeinfrastruktur gewinnen für uns ebenfalls an Bedeutung. Wir testen beispielsweise Batterien in ganz unterschiedlichen Entwicklungsphasen: von den ersten Entwürfen über die A-, B- und C-Muster bis kurz vor dem SOP. Also von Beginn der Entwicklung bis wenige Wochen vor der endgültigen Produktabnahme. Geändert haben sich auch die Leistungen der Batterieprüflinge: Lagen die Spannungen in den Anfangsjahren 2011 noch bei unter 400 V, so sind die aktuellen Prüfstände inzwischen für Spannungen bis 1 kV und einen Strom von 1800 A ausgelegt.

Die Transformation hin zur Elektromobilität ist noch lange nicht abgeschlossen. Außerdem lässt sich noch nicht abzuschätzen, ob der Lithium-Ionen-Akku oder Wasserstoff als die dominante Antriebstechnik gewinnen wird. Eines ist jedoch bereits heute sicher: Der Peak bei der Elektromobilität wird von den Experten erst für das Jahr 2025 erwartet.

Wie wird Ihrer Meinung nach das Test-Labor der Zukunft aussehen?

Wir sind ein Prüflabor, das Produkte nach technisch-physikalischen Größen testet und bewertet. Die Physik wird sich nicht ändern, aber die Produkte und die Erwartung unserer Kunden. Das hat Auswirkungen auf die Prozesse, um für unsere Kunden eine entsprechende Prüfdienstleistung zu erbringen. Hier ist es meiner Meinung nach wichtig, dass sich der Kunde mit dem Prüflabor verzahnt und eng zusammenarbeitet.

Ein Schwerpunkt, den wir bereits heute erkennen, ist die Zunahme der IT. So geben Informatiker einem Unternehmen wie Phoenix Testlab neue Möglichkeiten, mit den Kunden zu kommunizieren. Auch die Geheimhaltung und der Prototypenschutz werden wichtiger. Sind es doch vor allem die Automobilhersteller, die auf eine ausgeklügelte IT-Sicherheit pochen. Die Prüfdaten müssen vom Prüfingenieur bis zum Kunden vollständig und jederzeit zur Verfügung stehen. Ich bin mir sicher, dass sämtliche Prüfergebnisse künftig von der lokalen Datenbank in eine gesicherte Cloud fließen.

Stichwort Digitalisierung – Wie begegnet Phoenix Testlab diesem Trend?

Die Digitalisierung unserer Prozesse, um die notwendige Prüfdienstleistung gegenüber unseren Kunden zu erbringen, hat absolute Priorität. Dabei bewerten wir, welchen Nutzen wir intern haben und welcher Nutzen für den Kunden entsteht. Wir verfolgen hier den Ansatz, dass die interne Sichtweise, wir nennen das elektronisches Auftragscockpit, dem der Sichtweise des Kunden über ein entsprechendes Kundenportal entspricht. Diese Portale in Kombination mit modernen Kommunikationswerkzeugen, wie Chat, Video, Audio oder Kalender, werden wir realisieren. Wir nennen das „workplace@myphoenixtestlab“. Ziel ist es, schneller, intensiver und effektiver mit unseren Kunden zusammen zu arbeiten.

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