Aufgemerkt

1901: Das hundertjährige Licht von Livermore – und geplante Obsoleszenz

| Redakteur: Gerd Kucera

Leuchtet seit 110 Jahren nahezu ununterbrochen: Das Licht von Livermore
Leuchtet seit 110 Jahren nahezu ununterbrochen: Das Licht von Livermore (Bild: VBM-Archiv)

Am 8. Juni 1901 schenkte der Besitzer des örtlichen Elektrizitätswerkes den Feuerwehrleuten der Kleinstadt Livermore (bei San José) eine 60-W-Kohlefadenglühbirne, damit die Männer bei nächtlichem Alarm nicht erst Kerosinlampen anzünden mussten, um ihre Ausrüstung zu finden.

Diese Art von Glühlampe wurde in den Jahren ab 1890 hergestellt und trat den Wettbewerb des elektrischen Lichts gegen das zu der Zeit übliche Gaslicht an. Bernsteingelb leuchtete sie. Ähnlich dem Licht der Gaslaterne, was sich ihrer Akzeptanz als förderlich erwies.

Seitdem erstrahlt das Licht in der Feuerwache von Livermore. Seit 110 Jahren, wenn auch jetzt mit bescheidenen 4 W. Nur für wenige Momente erlosch das „hundertjährige Licht“, bedingt durch Umzug und Stromausfall. Das Livermore Centennial Light Bulb Committee hofft auf ein langes Leben ihres Geschenks.

Falls das Licht doch einmal für immer ausgehen sollte, ist noch unklar, was mit der Lampe passiert. Selbstverständlich hat die Lampe eine eigene Website. Sehen Sie doch mal nach, ob sie noch leuchtet! Die Glühbirne mit ihrem bernsteingelben Licht ist inzwischen eine Touristenattraktion.

Nichts hält ewig oder die geplante Obsoleszenz

Ob die Kalifornier schon etwas vom Glühbirnenverbot der EU gehört haben? Gewiss würden sie es auch wohl nicht verstehen, dass der Staat über so etwas entscheidet. In der EU begann der schrittweise Abschied von der herkömmlichen Glühbirne, aus Sorge um Stromverbrauch und Umwelt, heißt es. 2012 dürfen nur noch die in der Anschaffung teureren, aber angeblich langlebigeren Energiesparlampen im Handel angeboten werden.

Hat es Sie noch nie verwundert, dass die angegebene Brenndauer der Leuchte immer gleich ist? 1000 Stunden, garantiert, unabhängig vom Hersteller. Einst waren 2600 Betriebsstunden üblich. Dafür gibt es einen Begriff: geplante Obsoleszenz oder die gewollte Veralterung.

Beim Herstellprozess werden in das Produkt bewusst Schwachstellen eingebaut, Lösungen mit absehbarer Haltbarkeit oder Rohstoffe von schlechter Qualität verwendet. Ein Produkt wird schnell schadhaft. Der Konsument will es nicht mehr (weil es nicht mehr schön ist) oder er muss es ersetzen, weil er es braucht. Im Fall der Leuchtmittel wurde 1924 das (private) Phöbuskartell gegründet, das die maximale Brenndauer von Glühlampen international auf 1000 Stunden festgelegt hat. Der Vorteil geplanter Obsoleszenz ist ein vorhersehbarer, planbarer Konsum.

Zur geplanten Obsoleszenz gehören auch Maßnahmen, die nicht auf die Störung der Funktion zielen. Die Produktstrategie setzt bewusst auf Abnutzung. Es kann durch entsprechende Materialwahl das Aussehen und die Haptik eines Produkts gesteuert, dass beispielsweise nach Ablauf der Gewährleistung ein direkter Vergleich mit Neuprodukten letztere erheblich besser aussehen lässt.

Funktionelle und psychische Obsoleszenz

Möglich ist auch der Einbau eines Mechanismus, welcher nach einer gewissen Betriebsstundenzahl, die größer als die Garantiezeit sein sollte, entweder eine Zerstörung wichtiger Funktionskomponenten hervorruft oder eine Betriebsstörung vortäuscht. Das Gerät kann dann nur durch einen Werkstattservice repariert werden. Aber, oh weh, das lohnt sich nicht; für das Geld gibt es schon (wieder) ein Neugerät. Nicht selten war das bei manchen Computerdruckern übliche Praxis.

Es gibt aber auch eine funktionelle Obsoleszenz. Durch neue Anforderungen ist ein Produkt nicht mehr wie gewohnt oder in vollem Umfang nutzbar. Ein gutes Beispiel dafür sind Computerspiele mit ihren Anforderungen beispielsweise an bestimmte Versionen des Betriebssystems. Manche Software lässt sich nur mit einem 32- oder 64-Bit-Prozessor verwenden.

Bei der psychischen Obsoleszenz wird ein Produkt vom Konsumenten nicht mehr gewünscht, weil es an Popularität verloren hat. Es ist nicht mehr Hip. Diese Form der Veralterung betrifft ganz besonders die Mode (Frühjahrskollektion, Herbstmodelle, etc). Nicht zuletzt funktioniert diese Form der Obsoleszenz auch bei Spielekonsolen oder Mobiltelefonen. Wer hat noch nicht von den Fans gehört oder gelesen, wie sie mit Schlafsack und Thermosflasche ihr Wochenende vor der Verkaufsstelle verbringen, um zum Produktstart einer der Ersten zu sein.

Bewusst eingeplanter Mehrverbrauch

Und die Produktstrategen haben noch eine weitere Variante parat: Eine entsprechende Gestaltung der Produktverpackung sorgt dafür, bei Erzeugnissen, die keinem Verschleiß haben, eine Erhöhung des Verbrauches zu erzielen. Etwa durch eine zu große Flaschenöffnung, die das feine Dosieren erschwert. Oder durch Verpackungen, die sich nicht vollständig entleeren lassen. Wohl jeder würde seine Ketchupflasche am liebsten auswringen, weil noch so viel drin hängen bleibt. Hier entsteht eine ungenutzte Produktmenge.

Oder das geplant frühzeitige Austauschen von Autoteilen zu einer Inspektion ist noch ein Beispiel. Die Wartung fördert den erhöhten Verbrauch, denn Teile lassen sich nicht bis zum Ende der möglichen Verwendungsdauer nutzen. Andererseits ist das Ende der Nutzungsdauer, einer Kurbelwelle beispielsweise oder eines Pleuel, wiederum in der Konstruktion planbar.

Man kann darüber denken, wie man will. Für die einen ist es unerträgliche Verschwendung. Für die anderen bedeutet das Arbeitsplätze. Doch das Produzieren für die Müllhalde hat einen dritten Aspekt. Der Arte-Beitrag „Der digitale Friedhof in Ghana“, zeigt diese zynische Seite in sehr eindrucksvoller Weise.

In der Rubrik „Aufgemerkt“ stellt die Redaktion ELEKTRONIKPRAXIS regelmäßig Meilensteine aus der Geschichte der Elektronik und Elektrotechnik vor.

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