Die ELEKTRONIKPRAXIS – das junge Pflänzchen aus der alten Blumenzwiebel

| Autor: Thomas Kuther

Nichts ist beständiger als die Veränderung: Die Titelseite der ELEKTRONIKPRAXIS wurde im Laufe der letzten 50 Jahre immer wieder dem sich ändernden Zeitgeist angepasst.
Nichts ist beständiger als die Veränderung: Die Titelseite der ELEKTRONIKPRAXIS wurde im Laufe der letzten 50 Jahre immer wieder dem sich ändernden Zeitgeist angepasst. (Bild: VBM-Archiv)

Als 1966 die erste ELEKTRONIKPRAXIS als neue Sonderreihe der elektrotechnik erschien, ahnte noch niemand, was die nächsten 50 Jahre dem neuen Titel bringen würden. Blicken Sie mit uns zurück!

Einen völlig untechnischen Text fanden die Leser der Fachzeitschrift elektrotechnik in der Ausgabe vom 2. Februar 1966:

„In diesen Tagen werden uns bald in Gärten und Anlagen, in Wald und Flur die ersten blühenden Boten des Frühlings begrüßen; im warmen Zimmer getrieben, erfreuen sie uns ja schon jetzt und vielleicht gar seit Weihnachten. Jeder Naturfreund – und deren Zahl ist groß gerade unter den Technikern! – weiß, dass es sich dabei hauptsächlich um Vertreter der großen Gruppe der Zwiebelgewächse handelt. Unscheinbar ist das Äußere dieser kompakten, knolligen Organismen in ihrer Hülle aus trockenen, schuppigen Blättern; aber wenn ihre Zeit gekommen ist, eine Zeit, zu der der Boden in dem sie ruhen, kaum viel an Nahrung und Wärme bietet, dann treibt aus dieser trockenen Hülle plötzlich ein saftiges Grün hervor, und oft in wenigen Tagen entfalten sich daraus prächtige, farbenfrohe Blüten. Zugleich jedoch beginnt im geheimnisvollen Laboratorium des Blattgrüns unter den ersten Strahlen der Frühlingssonne eifrige Produktion. Aus den gewonnenen Nahrungsreserven bilden sich im Innern der alten Zwiebel neue Ansätze, die bald deren Hülle sprengen, um als neue Zwiebeln im nächsten Frühjahr abermals das Dasein des Stammes fortzusetzen und zu mehren.“

Mit diesen blumigen Worten kündigte Wolfgang May, der damalige Schriftleiter der elektrotechnik, die neue Sonderreihe ELEKTRONIKPRAXIS (EP) an, die gleich einem frischen Pflänzchen aus der knolligen Zwiebel elektrotechnik entsprungen ist und nun im zweimonatigen Turnus im Mantel der elektrotechnik erscheinen soll. Zuständig für die EP-Themenhefte waren die Redakteure Wolfgang Schmidt und Werner Schulz.

Die wichtigsten Highlights zu dieser Zeit waren Berichte über Messen wie die ein Jahr junge electronica und den Bauelementesalon in Paris. Aktuelle Themen waren Elektronenrechner, Magnetkernspeicher, Plastik-Transistoren und eine revolutionäre Technologie zum Herstellen von Gallium-Arsenid-Halbleitern.

Das zarte Pflänzchen wird selbstständig

Ab Januar 1968 erschien die EP als eigenständige Zeitschrift mit einer Auflage von 12.000 Exemplaren und 10 Ausgaben pro Jahr. In Ausgabe 2/1968 wurde berichtet, dass das Illinois Institute of Technology Research eine Methode entwickelt hat, mit der sich Gaszähler fernablesen lassen. Dazu fährt ein mit Sender und Empfänger ausgestatteter Werkswagen die Straßenzüge ab und fragt an den Gasuhren angebrachte Transponder über Funk ab. Ebenfalls beschrieben wird der Einsatz von Elektronenrechnern im Auto zu Diagnosezwecken. Die Fahrzeugdaten werden über eine Lochkarte eingelesen und die Diagnose soll laut Hersteller Allen Electric in 7 bis 15 Minuten abgeschlossen sein.

Neues in Sachen Medizinelektronik kam von der japanischen Firma Hayakawa Electric, die ein Gerät auf den Markt gebracht hat, mit dem sich Farbenblindheit in 3 bis 6 Monaten heilen lässt. Der Trick: Kopfhörerförmige Stimulatoren, die mit den Frequenzen 77 und 42,5 Hz arbeiten. Höhepunkte zu Beginn der 70er Jahre waren u.a. der komplette MOS/LSI-Baustein TMS 1802 NC von Texas Instruments, die ersten optischen Speicher, die RCA für die NASA entwickelt hatte und die ersten Schaltnetzgeräte.

Im Juni 1974 verabschiedet sich Wolfgang Schmidt als Schriftleiter der EP und übergibt die Redaktion in die Hände seines Nachfolgers Werner Schulz, der vom Redakteur Karlheinz Thesen unterstützt wird. Weitere wichtige Themen Mitte der 70er Jahre waren die ersten Taschenrechner, die dank der neu vorgestellten „Microcomputer auf einem Chip“erschwinglich werden. Die Elektronik dringt weiter ins Auto vor: der erste elektronische Tacho wird vorgestellt und Teldix stellt ein mit Unterstützung von Daimler-Benz entwickeltes ABS auf Basis von Siemens-Schichtschaltungen vor.

Im September 1977 geht die Leitung der EP-Redaktion an Henning Wriedt, der vom späteren Chefredakteur Günter Weeth unterstützt wird. Ab 1979 erscheint die EP bei unveränderter Auflage 12 Mal pro Jahr.

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